MIH: Neue Erkenntnisse aus der Kinderzahnheilkunde


„Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation" ungangssprachlich auch als „Kreidezähne“ oder auch „Käse-Molaren“ („Cheese Molars“) bezeichnet, sind zum Alptraum vieler Eltern wgeworden. Denn die MIH-Zähne zeichnen sich, abhängig vom Schweregrad, nicht nur durch einen Verlust der Zahnhartsubstanz und ein erhöhtes Kariesrisiko, sondern auch durch eine hohe Empfindlichkeit (Temperatur, Berührung) und oftmals schlechte Anästhesierbarkeit aus. Gerade gelbliche bis bräunliche Verfärbungen, die dabei auftreten können, sind im Frontzahnbereich auch eine ästhetische Belastung. Wenn Kinderzähne trotz guter Pflege bröckeln und vergilben, fühlen sich viele Eltern ratlos.

Die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation wurde wissenschaftlich erstmals 1987 von einer schwedischen Arbeitsgruppe als eigenständiges Krankheitsbild beschrieben, es wurde beobachtet, dass die ersten Anzeichen für MIH häufig bereits im Milchgebiss auftreten, denn bei Vorliegen von Hypomineralisationen des zweiten Milchmolaren scheint die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer MIH im bleibenden Gebiss erhöht zu sein. 
Es leidet hierzulande bereits heute jedes zehnte Kind an MIH. Die Ergebnisse der aktuellen fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie sprechen sogar von etwa jedem vierten Kind

Die MIH-Ursache ist trotz zahlreicher Untersuchungen mit zum Teil kontroversen Ergebnissen nach wie vor unklar. In der Forschung werden sowohl prä- als auch peri- und postnatale Einflüsse diskutiert. 

Vor allem Atemwegserkrankungen wie Bronchitis, Asthma, aber auch Infektionskrankheiten sowie gehäufte Medikamenteneinnahmen in den ersten Lebensjahren (Antibiotika, Aerosoltherapie) auf die Schmelzbildung beziehungsweise -reifung auswirken. Störungen im Mineralhaushalt insbesondere des für die Zahnentwicklung wichtigen Kalzium-Phosphat-Haushalts durch beispielsweise chronische Nierenerkrankungen sind ebenfalls als mögliche ätiologische Faktoren im Gespräch. Darüber hinaus werden Umwelttoxine, darunter vor allem Inhaltsstoffe von Kunststoffen (Bisphenol A, Polychloriertes Biphenyl), als mögliche Ursachen für die Schmelzdefekte intensiv diskutiert.

Es gibt bisher keinen eindeutigen Beweis dafür, dass Antibiotika wie Amocixillin MIH begünstigen. In puncto Fluoride ist in den meisten Studien ebenfalls kein Zusammenhang belegt worden. Daher sollten Kinder mit Fluoriden, entsprechend der aktuellen Leitlinie („Fluoridierungsmaßnahmen zur Kariesprophylaxe“) der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) für die häusliche Anwendung, versorgt werden. Ich empfehle insbesondere, zweimal täglich eine fluoridierte Zahnpasta (mindestens 1.000 ppm) einzusetzen, bei im Durchbruch befindlichen Molaren die Querputztechnik anzuwenden und einmal wöchentlich ein Fluoridgel (12.500 ppm) mittels Schiene oder Einbürsten zu applizieren. Hinzu kommt die tägliche Verwendung von fluoridiertem Speisesalz bei der Zubereitung von Mahlzeiten.

Wahscheinlich handelt es sich um ein unglückliches Zusammentreffen mehrerer Faktoren. Da die genauen Ursachen noch nicht eindeutig erforscht sind, ist der Forschungsbedarf nach wie vor groß.

Diagnostik

In der Diagnostik kann MIH mit anderen Schmelzbildungsstörungen verwechselt werden. Dazu zählen vor allem die Amelogenesis imperfecta (eine genetisch bedingte Dysplasie, von der alle Milch- und bleibenden Zähne betroffen sind) und die Fluorose (chronische Überfluoridierung). Auch müssen die Schmelzhypoplasie und die Tetracyclinverfärbung der Zähne sowie traumatisch bedingte Schmelzopazitäten von der MIH abgegrenzt werden.

Das günstigste Untersuchungsalter für die MIH-Diagnose beträgt etwa acht Jahre, da dann in der Regel alle vier Molaren (bleibende Backezähne) und Inzisiven (bleibende Schneidezähne) durchgebrochen sind. 
Später besteht die Gefahr einer Überlagerung der MIH durch Karies oder zahnfarbene Restaurationen, wobei verbliebene Opazitäten an Füllungsrändern oftmals einen MIH-Zahn als solchen entlarven. Der Ausprägungsgrad der MIH kann dabei eine milde bis schwere Form annehmen.

Im zahnärztlichen Praxisalltag ist eine möglichst frühzeitige Diagnose schon während des Zahndurchbruchs, also bereits mit sechs Jahren, sinnvoll. Durch eine zunächst gegebenenfalls auch temporäre therapeutische Intervention kann man dann frühzeitig einen weiteren Substanzverlust vermeiden.

Therapie

Was können Zahnärzte und ZFA therapeutisch konkret tun? Bei einer milden Ausprägung der MIH (ohne Zahnhartsubstanzverlust) sollte der Zahnarzt den betroffenen Zahn ähnlich wie einen gesunden, allerdings hoch kariesgefährdeten Zahn behandeln und ihn gegebenenfalls mit einer Fissurenversiegelung unter vorheriger Verwendung eines Adhäsivs versorgen. Zusätzlich sollte er bei regelmäßigen Kontrollen im Abstand von etwa drei bis sechs Monaten bis zu viermal im Jahr einen hoch konzentrierten Fluoridlack (22.600 ppm) auftragen. Beides sind Maßnahmen, die primär der Kariesprophylaxe dienen.

Ist es bereits zu einem Verlust von Zahnhartsubstanz gekommen, wird der Zahnarzt, abhängig vom Durchbruchzustand des Zahns und dem Schweregrad des Defekts, eine Füllung aus einem zunächst temporären (zum Beispiel Glasionomerzement) oder direkt definitiven Füllungsmaterial (Komposit) beziehungsweise eine Teil- oder Vollüberkronung (wie konfektionierte Stahlkrone, individuell im Labor oder per CAD/CAM-Verfahren gefertigte Kompositkronen) des Zahns empfehlen. Amalgam ist zur Versorgung von MIH-Zähnen nicht geeignet. In sehr schweren MIH-Fällen kann nach Absprache mit einem Kieferorthopäden auch die Entfernung des betroffenen Zahns mit anschließendem kieferorthopädischem Lückenschluss sinnvoll sein.

Da wir in unserer Zahnarztpraxis besonderen Wert auf eine Prophylaxe, beziehungsweise Prävention in der Kindertreuung setzen, sind wir in puncto MIH unbedingt sensibilisiert und achten auf milchige, sowie bräunliche Verfärbungen insbesondere der zweiten Milchmolaren. Betroffene MIH-Zähne werden bei uns, abhängig vom Schweregrad, engmaschig kontrolliert. Bei schweren MIH-Formen kann ein Recall-Intervall von zwei bis drei Monaten notwendig sein. In jedem Fall sollten Schmerzsensationen vermieden und das Vertrauen der Kinder gewonnen werden. 

Im Umgang mit unseren kleinen Patienten verfolgen wir vor allem das Prinzip „Erklären-Zeigen-Tun“.

 
 
 
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